Beam me back…

Rheine 1…nein, nicht Scotty, ich treffe mich mit einem niederländischen Berufskollegen…irgendwo in der Mitte zwischen unseren Wohnorten…die Wahl fällt auf…Rheine…und ich muss schwer schlucken…wie wird es sein ein Stadt nach 40 Jahren zu besuchen…damals war ich noch jung und voller Ideen und Träume…heute gehöre ich zu denen die ich damals überholen wollte…3 Tage später, ein Navi brauche ich hier nicht…alles noch genauso wie früher…nur das ich jetzt ein Hotelzimmer brauche statt mich in meinem Jugendzimmer zu verbarrikadieren …ein kleines Hotel in der Nähe meiner ehemaligen Wohnung , schon komisch,statt der ehemaligen Wohnung 3 Strassen weiter……und dann der erste Spaziergang..ok, aus der Kreuzung ist ein Kreisverkehr geworden…und dann die erste Überraschung , ich komme zu spät…das ehemalige Wohnhaus wurde vor 6 Monaten abgerissen…Neubau entsteht soeben…ich stehe deplatziert auf der Strasse und behindere den Verkehr..schnell weiter…komische Stimmung , irgendwas zwischen Melancholie und Trauer …am Gymnasium vorbei, der Kunstraum ist seit 40 Jahren immer noch derselbe, auf dem Schulhof ist eine Cafeteria hinzugekommen…hier habe ich bei Mathearbeiten gelitten und mich das erste Mal verliebt…schnell weitergehen…die Stadt erscheint merkwürdig klein…ich hielt sie mal für eine kleine Grossstadt aber jetzt wo ich aus Hamburg komme…ok, schwer ungerecht…ich erkenne alles wieder..nur das die gesamte Textilindustrie mit ihren schlossartigen Gebäuden verschwunden ist…dafür stehen jetzt Baumärkte und Supermarktketten dort…wie der hier von K+K ( Klaas und Klock aber unter uns Schülern damals nur Komm und Klau genannt…das weiss ich natürlich nur vom Hören her 🙂 , total beliebig und statt feiner in der Luft schwebender Wollfäden aus der Spinnerei hängt Fettgeruch vom Hähnchengrill in der Luft…nur die Kirche haben sie stehengelassen…weiter durch die Innenstadt, Fussgängerzone..hier habe ich das erste Strafmandat meines Lebens bekommen, wegen Radfahrens , Abends um 20.00…heute ist das Radfahren ganztägig erlaubt…und da das damals superteuer gebaute Riesenrathaus steht fast leer und verrottet …die HERTIE Inschrift klebt noch immer an der Fassade und ich muss an die 3 Toten denken die der Bau gekostet hat ( Beim Bohren der Fundamente traf der Bohrer eine Fliegerbombe…) Die Laune kippt Richtung schlecht und am Liebsten würde ich sofort zurückfahren…noch ein schneller Blick zur Tanzschule und das Ruderbootshaus an der Ems…statt Latein zu lernen verbrachte ich die Zeit lieber im Einer Ruderboot…die Laune wird wieder etwas besser und die Nacht bricht herein…im Dunkeln lässt es sich  aushalten und Erinnerungen mischen sich mit Träumen….am nächsten Tag bin ich wieder zurück in Hamburg , sitze völlig verpeilt neben mir und starre an die Wand…die Assistentin ist besorgt…nein, ich bin nicht krank…jedenfalls nicht ärztlich gesehen…sie versteht das auch nicht…vielleicht aber in 30 Jahren…für heute ist es Nichts mit arbeiten…Joggen im Stadtpark …wieder frische Luft um die Beklemmung loszuwerden…ich werde nicht nochmal zurückfahren….

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38 Antworten zu “Beam me back…

    • Hallo Peter,
      Danke, ich bin 5 Stunden durch die Stadt gelaufen und wusste nicht was ich fotografieren wollte , und irgendwann hatte ich auch keine Lust mehr, aber auf dem Rückweg zum Hotel ergab sich dann dieses eine Motiv…wie es sich gehört mit Kirche , und zwar bestimmt ungerecht und nicht typisch für Rheine…aber irgendwie musste ich mich ja wehren 🙂
      Ich wünsch dir auch ein schönes Wochenende, Beste Grüsse aus dem Nieselregen von Jürgen aus Hamburg

  1. Hallo Jürgen,

    traurige Geschichte; hab ich mit meinem Kindheitsort ähnlich erlebt vor einem Jahr. Es fühlt sich an, als würde das Restchen Kindheit, das wenigstens in der Erinnerung noch lebte, nun auch erwachsen. Und das schmerzt, weil es so plötzlich kommt. Und man weiß: nun ist dort nur noch eine piefige Kleinstadt, mit der man nichts mehr zu tun hat.
    Theoretisch sich darauf vorzubereiten funktioniert leider nicht.
    Gruß
    Ule

    • Hallo Ule,
      tja, vielleicht sind es auch zu hohe Erwartungen…Rheine war die erste Stadt an die ich richtig tolle Erinnerungen hatte…damals schon gross genug aber halt noch nicht richtig…und dann nach so langer Zeit versuchen die Zeit wieder zurückzuholen…kann vermutlich nur schiefgehen…aber man man muss da irgendwie durch…interessant ist es auf jeden Fall…musste das hier einfach mal loswerden zwischen all den Fotogeschichten 🙂
      Grüsse aus HH von Jürgen

  2. fahre gelegentlich noch durch die alte stadt in der nähe der heimat, ohne anzuhalten. gute warnung, es doch nicht zu tun, wo man immer denkt, tu ichs nochmal? (1x von der schule an der bücherei vorbei durch den park an der fußgängerzone vorüber über die brücke zur bushaltestelle). die stadt wirkt übrigens auch viel kleiner als in der erinnerung – liegt aber nicht an berlin, glaub ich, sondern an den augen, die man damals hatte. die waren einfach auch viel kleiner, da musste der winkel erst weit werden in der welt. schönes wochenende! lgk

    • Hallo Katja,
      schön..habe gerade was zu deinen Haltestellen geschrieben …jetzt hier 🙂 Du hast sicher recht , ich war damals so ca.15 …genaues wird nicht verraten …bin da ein wenig eitel 🙂 und in dem Alter ist das die erste Stadt die man ganz allein erkundet …mit grossen staunenden Augen…und dann noch : die ersten Freundinnen( bei mir) , der erste Tanzkurs, die ersten Fotos…(genau, damals entstand auch das)..kurzum alles war neu und zum erstenmal und ohne Eltern…nach 5 Jahren mussten wir dann umziehen….und seitdem habe ich von der Zeit geträumt…tja , und jetzt war ich wieder da..Fazit : Mach es mal, muss man/frau erlebt haben…interessant noch, ich bin insgesamt 10 Mal umgezogen…aber mit all den anderen Städten komme ich besser klar…muss jetzt darüber nachdenken was das nun wieder zu bedeuten hat….
      Lieber Gruss, Jürgen

      • ja, musste auch schmunzeln, wir waren grad beim kommen_tieren gegenseitig, schön 🙂 vielleicht ist es ja das: die jugend. bei mir ist es sicher die (!) un_sicher_heit, in die einen die zeit so brachte (um sie nicht hormon zu nennen), alles gerät aus den fugen und man weiß gar nicht wohin. mädchenrealschule. schon das wort. vielleicht mach ich es doch noch. die bücherei reizt mich und der park, da bin ich eines späten nachmittags im winter dunkel wars hinein und alle lampen lichter leuchteten. da war so 1 ahnung von der zukunft. mal sehen, wo sie hin ist, vielleicht ist sie noch da … 🙂 danke! lgk

  3. Schreib mal drüber wenn du wieder zum Luft holen kommst…danach…Mädchenrealschule …ist wirklich ganz grosses Kino…kann aber jungsmässig kontern…kam direkt aus Rheine auf eine Mädchenklosterschule 🙂 Im Ernst, mir war nicht zum Lachen zumute…der Grund, ein anderes Bundesland und ich musste noch 3 Wochen in die alte Klosterschule…ein Junge auf 600 Mädchen..Horror pur…nach den Ferien wurde es dann ein staatliches Gymnasium und die ersten (zweiten usw.) Jungs wurden eingeschult…ich war nicht mehr der Superexot 🙂
    LG Jürgen

  4. Oh,ja…das ist nicht jedermanns Sache, die Rückkehr an alte Plätze… ich mach das gerne…muss ne masochistische Ader haben… meine ehemalige NVA-Kaserne (Prora) 1999 im Verfallszustand wiederzusehen, war diesbezüglich bisher das Highlight. Genugtuung pur.
    Beim Klassentreffen, diese nun Mode gewordenen Rundgänge durch die alte Schule…nunja…das sind eher Luftnummern mit Werbegeschwätz heutiger Schulleiter, doch bitte Mitglied der Freunde des Gym X. e.V. zu werden. Näääää. Da hat man so Erinnerungen, die so gaaaar nicht zum Begriff Sehnsucht passen wollen. Mag sein, dass das überwiegend angry Pubertätsgefühle gewesen sein mögen, jedenfalls haben mir anno 81 Extrabreit die Worte aus dem Mund genommen: „Hurra-hurra-die Schule brennt…“ Leider gute 3 Jahre zuspät.
    In heutiger Zeit dürfte sowas gar nicht mehr Hit werden. Hatten wir ein Glück, dass Bendzko und Giesinger erst viel später Mode wurden!

    • 🙂
      Deine Schule hat auch gebrannt ? Meine hat…leider auch viel zu spät, vor 5 Jahren brannte das Haupthaus kurz nach Renovierungsarbeiten aus…Brandstiftung…war es ein böser Schüler oder ein Handwerker der Pfusch am Bau vertuschen wollte ? Den Schulrundgang habe ich auch hinter mich gebracht, das ging sogar … keine hier will ich wieder zurück Gefühle…und mit Extrabreit dürftest du recht haben….die heutigen Songwriter..besser gesagt Schlagersänger…würden wohl eher einen Solidaritätssong fürs Spendensammeln zwecks Neubau dichten….
      LG Jürgen

      • Neee, gebrannt hat die nicht. Ich meinte: Der Song kam 3 Jahre nach meinem Abi heraus. 3 oder 4 Jahre früher hätt‘ ich ihn NOCH MEHR gemocht. Er war ja schließlich auch ungefährlich: Feuersbrünste an Schulen sind 1981/82 nicht überliefert.

  5. Als ich vor ein paar Jahren wieder in meiner Kinderstadt Goslar war, erschien mir alles klein und eng, was ich groß und breit in Erinnerung hatte. Mein Wohlfühlort ist zu einer Touristenattraktion geworden, meine Mädchenrealschule ist ein Altersheim, mein Geburtsthaus mußte einem Großmarkt weichen, ich kam mir schrecklich verloren vor und bin dankbar, daß es meine Eltern ins Rhein-Main-Gebiet und nach Frankfurt verschlug.
    Bei mir brachte der Schulwechsel den aus einer 40 Mädchenklasse in eine gemischte mit 32 Jungs und 7 Mädchen mit sich, den ersten Monat schwärmte ich jeden Tag für einen neuen Jungen, wie das 13-jährig halt so ist. -:)))
    Ich habe Deinen Bericht gern gelesen, weil er Erinnerungen weckt.
    Lieber Abendgruß aus dem Hochsommer im Juni bei uns
    Karin

    • Hallo Karin,
      nach dem Wechsel hattest du es ja mal richtig gut…bei dem Verhältnis Jungen-Mädchen 🙂 Aber du scheinst dann ja ähnlich gefühlt zu haben bei deinem Goslarbesuch…das ist für mich tröstlich denn ich dachte schon ich würde alterssenil werden …
      Lieber Gruss aus dem Nieselregen in Hamburg von Jürgen

  6. Oh, oh… darüber habe ich viel nachgedacht. Lebe seit 30 Jahren in Schweden. Mein Städtchen, in dem ich gross geworden bin und zwei Kinder bekommen habe, wird sich ganz sicher sehr verändert haben.
    Ausserdem fühle ich mich heute weder als Deutsche noch als Schwedin und sage oft: Ich bin weder…..noch.
    Während meine Freunde behaupten: Du bist beides.
    Nachdenkliche Grüsse aus dem Schwedenländchen 😀

  7. Hallo, Jürgen!
    Aus Rheine bist du also. Da war ich auch mal vor 48 Jahren. Mein damaliger Verlobter machte dort seine Grundausbildung bei der Bundeswehr. Ich hatte hohe Erwartungen an das Treffen, aber es war alles so trostlos rund um die Kaserne. Als ich nach ein paar Stunden wieder nach Hause fuhr, war ich in genau so einer Stimmung wie du. Na ja, die Beziehung hat dann auch nicht gehalten. Aber das lag nun wirklich nicht an Rheine.
    Liebe Grüße, nun aus Griechenland, wo es überhaupt nicht trostlos ist
    Christine von der Anima mea

    • Hallo Christine,
      Bundeswehr war auch unser Grund, mein Vater war dabei und deshalb zogen wir auch alle 3 Jahre um…war so üblich damals…und so kamen wir irgendwann auch mal in Rheine an…aber es stimmt schon, Rheine ist nicht an allem Schuld 🙂
      Kann mir aber lebhaft vorstellen das es bei euch an Bord überhaupt nicht trostlos ist und wenn Du das Wort Griechenland erwähnst …schaue ich durchs Fenster in den verregneten Sonntag…und würde mich gerne rüberbeamen !
      Lieber Gruss an die tapferen Segler von der Anima mea von Jürgen, lasst es Euch gut gehen !

  8. Sehr traurig Jürgen, wenn Dich in der alten Heimat solche Gedanken plagen. Allerdings können einem einige Erinnerungen auch die Gegenwart vermiesen. Wenn ich mich umschaue und sehe wie sich in den letzten 30 Jahren einige, für mich „geschichtsträchtige“ Stellen in Bremen entwickelt hat, könnte ich auch Depressionen bekommen. In meine „alte“ Heimat fahre ich dagegen sehr gerne, hab mich allerdings auch nur 50km von meinem Geburtsort entfernt. 😀 Ich bin dann wieder Kind und das gefällt mir 😉
    LG kiki

    • Hallo Kiki,
      ich war da selbst überrascht weil ich eigentlich mit Vorfreude dorthin gefahren bin…um so heftiger dann der Stimmungswechsel…hab schon gedacht ob ich vielleicht meine Wechseljahre habe 🙂 So eine richtige …bin ich Kind Heimat…habe ich gar nicht, dazu sind wir zu häufig umgezogen, da beneide ich dich ein wenig drum !
      Lieber Gruss, Jürgen

  9. Memory and change – we are moving on similar line. My most recent post is a asemic fable about time & memory. Separated by space, culture & language we share similar experience. 🙂

    • Hello Joseph,
      thanks for writing here, and yes…memory and change ..all over the world and in every culture people think about them and try to fix there ideas in a lot of different ways..for example in art, or poems, or songs…
      Kind regards, Jürgen

  10. Nach 40 Jahren – das ist wirklich eine lange Zeit. Aber ich kann Deine Beklemmung verstehen – das letzte Mal, als ich in dem Kaff war, in dem ich aufgewachsen bin, war im letzten Jahr zum Begräbnis meiner Mutter, ich habe es vermieden, nochmal durch die Straßen zu laufen, das ist einfach abgeschlossen, ich vermute, ich war wirklich zum letzten Mal da.
    Zufällig war ich mal in Rheine, ich nannte es die Stadt „… genau richtig für einen Halbtagesbesuch“, schau hier:
    https://koelnfotos.com/2014/08/25/urlaub-hermannsweg-ankunftstag-rheine-19257750/

    • Sehr schön geschrieben..aber für einen halben Tag in der Stadt müsstest du schon 2 Stunden Kaffee trinken am Markt….damit die Zeit rumgeht…
      LG Jürgen

  11. Hallo Jürgen, tolles Bild. Es zeigt die Betonmentalität, die damals in den Kleinen Städten herrschte – auch in den Köpfen. Deine wehmütige Geschichte habe ich auch genossen. Nein, es gibt kein zurück in die Zeit der Kindheit. Lass uns lieber dafür was tun, dass unser Kinder eine Zeit haben, an die sie sich wehmütig zurück erinnern.
    Grüße von Rolf

    • Hallo Rolf,
      der Weg zurück ist unmöglich, ich weiss…wollte es aber wenigstens mal versucht haben…wider besseres Wissen…das kam dann dabei heraus…und du hast Recht ..als Väter haben wir wichtigeres zu tun…plane schon den nächsten Vater-Sohn Urlaub 🙂
      Grüsse aus der Hölle (Hubschrauber überm Dach, brennende Autos vor der Tür…Ferienspass in Hamburg)

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