Ratlos…

KZ Sachsenhausen 2…sitzt der Fotograf vor dem Monitor, alle Bilder sind bearbeitet, normalerweise ein Grund glückselig auf coole Motive zu blicken…das geht heute nicht, kein Grund zur Freude…letzte Woche, Sabine im Anmarsch flitze ,der Fotograf noch schnell los, angesagt war die Fotogeschichte über die B96 fortzusetzen…diesmal das Stück Ortsausgang Berlin bis zum Ende der Strasse in Sassnitz auf Rügen. Der erste Ort hinter Berlin ist Oranienburg und dort gibt es den Stadtteil Sachsenhausen.Eigentlich hatte ich mir vorgenommen nur das zu fotografieren was direkt links und rechts der Strasse liegt, aber auf dieser Fahrt gab es zwei wichtige Ausnahmen…also in Oranienburg rechts abgebogen und ca.3 km weiter gefahren, 9.00, kalt, kein Mensch zu sehen, ich bin allein auf der weitläufigen Anlage KZ Sachsenhausen 4…und nun ? Irgendwie gute Fotos machen, das ist mein Job, aber auch hier ? Kann man das hier überhaupt fotografieren und wenn ja, darf das dann eine ästhetische Fotografie sein ? Bedrückt schleiche ich durch die Gedenkstätte…wenigsten ist der Himmel passend tiefgrau, bei blauem Himmel hätte ich die Kamera im Auto gelassen…also Perspektiven suchen, das wesentliche herausarbeiten…halt, das geht nicht….du kannst jetzt hier nicht den Profiwerbeknipser raushängen lassen…..KZ Sachsenhausen 3kein Foto der Welt heute gemacht könnte wiedergeben was hier Menschen anderen Menschen angetan haben…frierend stehe ich vor den Gedenktafeln und lese die Schicksale von Menschen die hier endeten…nicht freiwillig sondern weil andere dachten sie hätten quasi dank eigener Vollkommenheit die Macht über Leben und Tod zu entscheiden …was also soll ich hier fotografieren…irgendwie werden die Bilder schon wieder schön, so grafisch und aufgeräumt wie ich es eigentlich mag…mir fällt eine alte Bilderstrecke aus der Zeitschrift GEO ein, überschrieben mit dem Titel : Ästhetik des Schreckens …und gezeigt wurde auf Hochglanzpapier sehr grafische und hochästhetische Fotos…amerikanischer Kampfbomber…so ganz wohl schienen sich die Redakteure damals auch nicht gefühlt haben angesichts ihrer tollen Bildpräsentation…KZ Sachsenhausen 6Zurück ins Hier…wenn ich jetzt nicht fotografiere , wenn man also hier gar nicht fotografiert…würde das nicht heissen diesen Ort zu negieren und zu vergessen ? Viele Fragen und dem Ort entsprechend kaum Antworten, nicht nur meine Fragen sind unbeantwortbar, auch was hier geschah entzieht sich meinen schlimmsten Vorstellungskräften …also hinter der Kamera verstecken und Weiterknipsen….2 Stunden später fahre ich langsam die B96 Richtung Sassnitz…der Tag ist nicht so wie ich mir das vorgestellt habe… meine kleine heile Welt ist soeben wieder ein Stück kaputtgegangen …und ich bin froh darum und diesen Besuch gemacht zu haben. Deswegen zeige ich euch auch diese Fotos, ganz ohne den sonst hier üblichen ironischen Unterton …sozusagen fast kommentarlos…ratlos werde ich bleiben..in jeder Hinsicht  :-(KZ Sachsenhausen 5

KZ Sachsenhausen 7

Veröffentlicht von juergen61

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68 Kommentare zu „Ratlos…

  1. Das ist alles so düster. Du dokumentierst die Spuren des Grauens. Das ist die Stärke der Fotografie. Vielleicht findet man eher über Bilder zu dem, wofür die Worte fehlen. Interessant auch die Wahl der Brennweite. Durch das extreme Weitwinkelobjektiv wirkt die Anlage wie entrückt. Distanz ist da. Das scheint mir die bildlich erfasste Ratlosigkeit zu sein.

    1. Danke dir ! Ja , das 11mm schafft eine Weite die ich dort hatte , aber niemand von denen die damals dort leiden mussten und jeden Tag nur die hohen Mauern mit Stacheldraht vor sich hatten..Mit einem Teleobjektiv wiederum hätte man nur Ausschnitte zeigen können ohne die Grösse dieses Ortes zur erahnen, mit dem Normalobjektiv sah alles ..nun ja, furchtbar normal aus…wäre aber vielleicht besser gewesen als das Weitwinkel welches so schon eine eigene Ästhetik schafft…ich habe mich mehr oder weniger unbewusst dafür entschieden , die Anlage ist entrückt und unwirklich, da hilft auch näheres herangehen nichts… Grüsse von Jürgen

      1. Ja, die Ecke so eines Steinbeets ragt in eins der Bilder, glaube ich. Sicherlich kann man heute nicht mehr fotografieren, wie es damals war, aber du hast, vielleicht gerade durch den Ultraweitwinkel, symbolhaft die Totenstille und Leere erfasst, die das Entsetzen erfüllen. Ich habe einige Erinnerungen von KZ- Überlebenden gelesen, und deine Bilder wecken gerade durch ihre extrem aufgeräumte Düsternis meine Erinnerungen an den gelesenen Gegensatz zu den Berichten.

        1. Ja, Bild 4 mit der Ecke der Baracke 46, ich habe die Kamera direkt auf die eingefasste Umgrenzung gestellt. Und an der hinteren Mauer haben sie exemplarische Lebensberichte von Menschen in Text und Bild dargestellt…wenn man das liesst verliert man den letzten Glauben an eine humane logisch denkende Menschheit…

  2. Selten Maße ich mir an in Ihrem Blog zu kommentieren.

    Das sind für mich großartige Fotografien.

    Ihr letztes Bild zeigt für mich eines von mir gedachten Gefühles, welches ich hätte, wenn ich dort hätte sterben müssen… die Sehnsucht nach Weite…

    1. Hallo Birgit, vielen Dank ! Und ich kann jeden verstehen der dort nicht fotografiert…denn das Eigentliche ist heute fotografisch nicht mehr erklärbar…bleiben höchstens ein paar Anschauungsbilder 75 Jahre später. Lieber Gruss, Jürgen

  3. Thank you.
    Three times i read the text, i simply had to.
    Over and over i looked at the photos, i simply had to.
    Thank you for your insightful words and photos
    My dad survived that place, but never ever spoke about the horror and terror he had experienced.

  4. Bedrückend schön. Ich kann die Gefühle, die Du beschreibst, verstehen. Auch hier passt die von Dir zitierte Überschrift „Ästhetik des Schreckens“. Insbesondere bei den beiden ersten Bildern. Sie ziehen mich in die Bilder hinein. Toll gemacht. Und ich hoffe, dass es noch mehr Menschen so ergeht, damit sich das nie wieder wiederholt. Danke, Jürgen!

    1. Ich habe zu danken, es war für mich ein Versuch das Unfassbare zu fotografieren und ein wenig darüber zu schreiben, in all der Unvollkommenheit die wir Nachkommen angesichts dieser Orte empfinden. Herzlicher Gruss von Jürgen

  5. Ich finde es schwierig, das zu fotografieren und würde mir ebenfalls die Frage stellen, ob man das fotografieren kann – darf… Das Bedrückende auf Deinen Bildern wird durch das Weitwinkel und das Wetter enorm verstärkt. „Bildlich erfasste Ratlosigkeit…“ aus dem Kommentar von 125tel |Fotogalerie trifft es. Wie können Menschen zu so etwas fähig sein?

    1. Danke dir für deinen Kommentar, ich war mir nicht ganz sicher ob das hier im Blog ankommt aber ich hatte das Gefühl darüber schreiben zu müssen, vielleicht auch um nicht ganz so fassungslos allein mit den eigenen Gedanken dazustehen …. Grüsse von Jürgen

  6. Eindrucksvolle Bilder sind Dir auf jeden Fall gelungen! — Aber, das Irritierende ist doch: Auch über dem Lager von Oranienburg hat die Sonne geschienen, in Birkenau flatterten die Lerchen in blauen Himmel. Manchmal denke ich, dass man die Realität, die Schreckliche, auch nicht so recht trifft, wenn man den Schrecken immer in düsterem Schwarz-Weiß wiedergibt …

    1. Am darauffolgenden Tag schien die Sonne und morgens im Hotel beim Frühstück habe ich darüber nachgedacht nochmal die 100km wieder zurückzufahren um einen zweiten Fotoversuch zu starten…aber ich war und bin davon überzeugt das es mir nicht besser gelungen wäre. Dein Einwand ist berechtigt und eines jener nicht zu lösenden Probleme : Fotografiere ich in Grau ist es das Erwartbare, fotografiere ich bei Sonnenschein könnte es die Anlage verschönern…letzlich muss man selber entscheiden mit welcher Ästhetik man sich persönlich wohler vorkommt…Im nächsten Beitrag über die B96 gibt es ein noch schlimmeres Bild aus dem KZ Ravensburg…ein wunderschöner See und direkt davor die Hinrichtungsstätte mit Genickschussanlage…es war zum Kot….Vielen Dank für deinen Kommentar, Grüsse von Jürgen

      1. In Auschwitz, in einer Ecke, die nicht auf dem normalen Rundgang liegt, gibt es einen Swimmingpool – hab mal eine Woche auf dem Gelände gewohnt, sehr…. wie soll ich sagen …. besondere Erfahrung

          1. Die polnischen Gastgeber – es ging im einen Schüleraustausch – hatte alle Schüler in Familien untergebracht. Die Lehrkräfte, hieß es, würden in einem Hotel untergebracht. Kannst Dir vorstellen, was wir für ein Gesicht gemacht haben, als wir zum Lager gefahren wurden und uns das „Hotel“ gezeigt wurde. Dort gibt es Übernachtungszimmer für Forscher. Habe nie rausbekommen, was sich die Gastgeber dabei gedacht haben ….

  7. Allein schon der Spruch im ersten Bild zeigt die verlogene Grausamkeit und Borniertheit, die damals herrschte. Deine Bilder und der Text sind tatsächlich mit ihrer „Ästhetik des Schreckens“ sehr berührend und mit ihrem Schrecken unfassbar.

    1. Vielen Dank Petra, der Spruch ist wirklich über denn letztlich wurde in den KZ der Weg Vernichtung durch Arbeit betrieben, Tod durch unmenschliche Arbeitsbedingungen…also genau das Gegenteil der Inschrift… Lieber Gruss, Jürgen

  8. Diese Bilder finde ich dem Thema ganz angemessen, lieber Jürgen. Sie vermitteln die furchtbare Trostlosigkeit dieses Ortes. Alles wirkt verlassen, verflucht fast.
    Fern auch, die meisten davon. Es mit technischen Tricks in unsere Nähe zu rücken … fände ich nicht passend, glaube ich. Aber vielleicht käme es darauf an, wie … Das eine jedoch, das nahe mit dem Tordurchgang, das ist mit seiner Nähe genau richtig. Sah das jemand so, der sich während seiner Ankunft noch einmal umblickte? Eher nicht. Eher ist das der Blick des Heutigen, der zurück in die Vergangenheit schaut, und zugleich schenkst du ihm gnädig einen schmalen Ausgang zur Freiheit, damit ihn die Beklemmung nicht zu sehr überwältigt.
    Ich danke dir für einen sehr intensiven Moment der Besinnung.

    1. Vielen Dank Ule, der Ort bringt es mit sich das jede Form der Auseinandersetzung mit ihm problematisch ist. Das beginnt schon damit das das Lager heute leer erscheint weil fast alle Häftlingsbaracken abgerissen wurden. Man hat dann später versucht sie symbolisch wieder aufzubauen indem man ihre Grundrisse mit Steinen auffüllte. Wir sehen heute also einen leeren Platz mit grossen Steinbeeten, diejenigen die damals durch das Tor gingen drehten sich bestimmt nicht mehr um denn vor sich sahen sie einen engen mit Hütten vollgestellten Platz und Menschen in drangvoller Enge…es ist einfach nicht zu fotografieren…. Lieber Gruss von Jürgen

    1. Ja Lars, da bleibt selbst einem dauerknipsenden Vielredner wie mir jedes Wort im Halse stecken…trotzdem habe ich es zumindestens fotografisch mal versucht…ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Antwort, oder fotografische Meisterleistung…Grüsse von Jürgen

  9. Ich danke Ihnen – wie gehabt – für Ihre Fotografien. Sie wirken in ihrer grafischen Komposition scheinbar beruhigend, und berühren gerade deshalb und erschütternd.

    Ein Weitwinkelobjektiv von 11mm Brennweite…. Muss man eigentlich die Brennweite immer weiter verkürzen, um dem unermesslichen Grauen wenigstens um eine Spur näherzukommen? Wir sind nicht der Lage mit Worten angemessen auszudrücken, welche Qualen die hier gefangenen und ermordeten Menschen ertragen mussten.

    Insofern ist auch Ihr Titel stimmig – Ratlos. Man steht in den Überresten dieses und anderer ehemaliger Konzentrationslager und ist ratlos mit seiner – mir jedenfalls geht es jedes Mal so – ratlos mit meiner Hilflosigkeit und Scham.
    Und es hört einfach nicht auf. Erst kürzlich erfuhr von dem Schuhläuferkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

    Ich sende Ihnen freundliche Grüsse aus dem Bembelland,
    Herr Ärmel

  10. Ganz einfach: das sind gute Fotos, alleine gegen das Vergessen.
    Grüße aus Süd, heute auch an einer Gedenkstätte vorbeigefahren. Es muss sie geben und das Fotografieren auch.

  11. 2007 habe ich sehr früh die gedenkstätte Buchenwald betreten, alles noch still und leer, habe nicht gedacht, sonst hätte ich kaum hochkonzentriert mehrere stunden fotografieren können, mit einer nikon d70s, primär weitwinkel, seltener zoom. habe mich nur aufs fotografieren konzentriert, auch als später meist schulgruppen die gedenkstätte betraten. lernte zuletzt vor dem eingang herrn Leopold Engleitner und seinen begleiter kennen, umringt von schülern. mit dem autor und herausgeber des buches über L. Engleitner, der mehrere konzentrationslager überlebte, blieb ich noch mehrere jahre in kontakt.

    auf meiner homepage habe ich 100 dieser fotos veröffentlicht, nur kurze daten, keine persönlichen kommentare.
    weiterhin auch das Holocaust Mahnmal Berlin, kurz vor und 2x nach der öffnung, auch diese fotos ohne kommentare.

    das thema gedenktage ist jährlich in den medien präsent, meine meinung dazu ist ambivalent, denn es darf niemals in vergessenheit geraten, was im Holocaust möglich war und mit noch soviel betroffenheit unbegreiflich bleibt.

    ambivalent, weil sich das 1x in den medien kurz anzuschauen und im nahtlosen übergang zwischen news, aktuellen katastrophen und ( ausnahme arte ) wieder unterhaltungsprogramme zu konsumieren, damit hatte ich schon viele jahre zuvor ein problem – seit januar 2019 ist die globale glotze für mich konsequent tabu.

    schreibe dies am tablet, kann hier nur einen link setzen, vielleicht interessiert dich das thema aus anderer sicht und wahrnehmung. https://die-wege-photo.de/die-wege_site/gedenken/index.html

    gruss aus köln
    dietmar

    1. Hallo Dietmar,
      Danke für deinen Blick hier auf meinen Blog, habe mir deine Bilder angesehen und gerade die Fotos aus dem KZ Buchenwald sind beeindruckend bedrückend gut, deine Meinung zum Thema Gedenktage kann ich so weitestgehend unterschreiben ! Grüsse aus Hamburg von Jürgen.

  12. Ich danke Dir. Es ging mir nicht anders. Immer mit dem Gedanken des Respektes. Dann geht Fotografie bei schönem Wetter. Wenn ich daran denke dass einst auch dort die Vögel gezwitschert haben. Die Sonne schien etc. Im Grunde dürfte das nicht so sein….. …Ich denke die innere Haltung ist wichtig.

    1. ja, die innere haltung hat mich geschützt, das grauenhafte schicksal ertragen zu können und statt wie gelähmt zu sein, sah ich jeden stein, jeden mauerrest, sah in die latrinengrube, fotografierte nur das herausragende unscheinbare laub, nur ja keine optimalere perspektive, gebäude sachlich. absolut konzentriert und mir bewusst, was dort geschehen IST.

      rationaler vergleich: ein arzt im op, helfer im kriegslazarett, beide wären unfähig ihre arbeit zu tun, wenn sie vom anblick emotional blockiert wären.
      deshalb der respekt vor den toten, der mich ohne zu denken leitete – statt im nachdenken zögern, die gedenkstätte früh zu verlassen.

      dietmar

  13. Sehr ausdrucksstarke Bilder… ich war nie dort, aber die Anlage wirkt auf deinen Fotos wirklich groß, genau so sollte sie auf Fotos aus wirken, um dem was dort geschah Ausdruck zu verleihen…

  14. Danke für diese Bilder – ich habe es immer noch nicht gewagt, ein solches Todeslager zu betreten, obgleich ich mich in der Verantwortung sehe, es zu tun.Heute hatte ich gerade etwas über Bonhöffer, Kolbe und Korczak gelesen, bin erschüttert über die Gnadenlosigkeit, die damals an der Tagesordnung war.
    Die Fotografien sind schlicht, großräumig und ich habe das Gefühl, dort zu sein, wenn ich sie betrachte. Und sie rufen mir wieder ins Gedächtnis, dass ein Besuch dorthin notwendig ist, zu seiner Zeit sicherlich, aber notwendig.

    1. Hallo Doris,
      es ist auf jeden Fall wichtig einmal da gewesen zu sein, selbst wenn man heute kaum noch die damalige Situation nachvollziehen kann. Aber so ein Besuch verändert einen und man bleibt sehr nachdenklich zurück ! Lieber Gruss, Jürgen

  15. Jedes der Fotos für sich ist ein scharfer Schmerz für das, was im Inneren passiert ist. Die Fotos wiederum sind so großartig, dass nichts mehr zu sagen ist, dass Kunst ihre Aufgabe erfüllt, indem sie Empfindungen überträgt. Grüße

  16. Ach jaaaaa. Elend. Immer wieder. Scheinbar nötig – zu mahnen. Gedenkstättenfahrten. Schlechtes Wetter. Üble Zeiten. Passt. Die Leere ist ein Glücksfall für die Fotos.

    Busladungen von Schülergruppen un aufgeschnappte Kommentare von Schülern a la: „Isch geh Gaskamma! Wekenn Fotto! Frau F. ischhap Hunga! Könnwia Kaffetaria!“ hätten dir den Tag ganz schön abstürzen lassen können.

    In den 90ern durften/mussten Schüler bei solchen Fahrten im Lagerbereich arbeiten. Körperlich: Unkraut jäten, den Schotter harken, Wege pflegen, um sich in die Lage der Häftlinge hineinversetzen zu können. Dann kam der Denkmalschutz und würgte diesen sinnvollen Auseinandersetzungsansatz ab. Seit dem kehrt der ratlose moralische Monolog von „Guides“ zurück. Oder vorgelesenes, ausgedrucktes Wikipedia…

    Die Fehler der DDR-Pädagogik kehren wieder.

    1. Da dürftest du recht haben, in der Hochsaison mit Busladungen voller zwangsverpflichteter Schüler hätte es sehr merkwürdig werden können…aber an einem kalten Februarmorgen um Punkt 9.00 war ich der Einzige…brauchte also hinterher nicht per Photoshop grell freizeitmässig gekleidete Menschen aus dem Bild retuschieren :-) Grüsse von Jürgen

  17. Fotos – außer die ganz schlechten, und die wahrscheinlich auf verquere Weise auch irgendwie – ästhetisieren ja immer. Das liegt am Ausschnitt, er ist immer eine Komposition (brauch ich Dir nicht zu erzählen;-).

    Als ich mal in Krakau war, liefen Leute mit Sandwichplakaten herum, auf denen Tourismusfirmen sich gegenseitig preislich mit Fahrten nach Auschwitz unterboten, ein KZ-Tourismus, den ich einfach nicht mitmachen konnte, also war ich nicht da. Meine Begleiterin hatte weniger Bedenken und erzählte nach ihrem Besuch, daß sie junge Leute beobachtet hatte, die sich leicht bekleidet in Posen vor den Baracken und Krematorien gegenseitig fotografierten – puh, ich war froh, daß ich nicht dabei gewesen war. Abends lernten wir einen älteren Herren kennen, der extra wegen Auschwitz angereist war, er sagte, das sei einer der Orte, den er unbedingt in seinem Leben gesehen haben müßte.
    Der Umgang damit ist so unterschiedlich, ich mag das kaum beurteilen, wahrscheinlich gibt es nicht DIE richtige Art und Weise. Mir haben sich die Fotos von Lee Miller und anderen, die direkt nach der Befreiung gemacht wurden, auf ewig ins Gedächtnis eingebrannt, ich wünschte fast, ich hätte sie nicht gesehen. Aber das ist natürlich Quatsch, denn das Grauen ist ja tatsächlich geschehen, und man kann froh sein, daß die Fotos da sind, damit keiner behaupten kann, das sei alles gelogen, und damit man sie denjenigen vorhalten kann, die behaupten, das sei doch nur ein Teil von einem „Fliegenschiß“ in der deutschen Geschichte.

    Deine Fotos finde ich absolut angemessen, aber ohne erklärenden Text kommen sie natürlich nicht aus.

  18. Weitwinkel und Leere vermitteln eine gespenstische Kälte. Die Betrachterin/der Betrachter sind gezwungen, sich dort hineinzuzwängen, sich eigene schmerzvolle Gedanken zu machen und nicht einfach davon zu laufen. Beeindruckend!
    Ich kann verstehen, dass du auf deiner B96 Tour da nicht dran vorbeifahren wolltest und konntest.
    Aber vermutlich schwang dann das Gesehene und Erlebte schon kräftig bei der Weiterfahrt mit…
    Liebe Grüße
    Daniel

    1. Hallo Daniel,
      ich bin schon gezielt dahin gefahren, auch um mich zu informieren…Fotos wollte ich erstmal gar nicht machen aber wenn man die Kamera zufällig schon dabei hat :-) … Die Tour war schon heftig denn wenn man da rauskommt bewegt einen das noch eine ganze Weile…und 100km weiter folgt dann mit dem KZ Ravensbrück der nächste Ort des Grauens…davon in einem späteren Bericht noch mehr. War also die schlimme Seite der B96, gehört aber genauso dazu wie Sonnenstrahlen über leiblichen Dorflandschaften… Lieber Gruss von Jürgen

  19. Hallo Jürgen, dein Gefühl kann ich gut verstehen. Die Bilder machen mir Gänsehaut und ich spüre, dass ich vermutlich nicht an diesem Ort sein könnte, da komme ich an meine Grenzen. Ich war bisher in Berlin in der Ausstellung am Holocaust-Denkmal, die mich so mitgenommen hat, dass ich auf dem Rückweg nach HH geschwiegen und mit den Tränen gekämpft habe. Und in Neuengamme, um dort zu fotografieren. Aber es ist schwer, ein KZ als Motiv zu sehen. Dennoch finde ich solche Beiträge und solche Bilder unglaublich wichtig. Das sieht man auch an den Reaktionen hier, besonders der von Aafke, der oder die schreibt, was es ihr oder ihm persönlich bedeutet. Danke für diesen Beitrag!

    Falls du es nicht kennst, empfehle ich dir den Bildband „Totenstill“ von Dirk Reinartz: https://steidl.de/Buecher/totenstill-1644454658.html Keine leichte Kost, aber ein wichtiges Buch, wie ich finde.

    Liebe Grüße, Conny

    1. Hallo Conny,
      danke für deinen Kommentar und schön mal wieder von dir zu hören ! Das Buch von Dirk Reinartz kenne ich, sehr beeindruckend ! Das ist ja eine richtig konzeptionelle Arbeit, da komme ich mit meinen Gelegenheitsbildern nicht mit. Das Thema ist schwer, nicht schwer zu fotografieren, sondern schwer weil die Fotografie nicht vermitteln kann was dort passiert ist. Vielleicht gibt es keine Kunst die das vermag, es sind immer nur Annährungen möglich die vieles auslassen müssen. Trotzdem gebe ich dir recht, eine Auseinandersetzung und Beschäftigung ist trotzdem absolut notwendig und sinnvoll ! Lieber Gruss aus der Nachbarschaft von Jürgen

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