Lost…

….places… = beliebte Fotoorte im Nirgendwo, meist stillgelegte Fabriken, leere Herrenhäuser, verlassene Gaststätten oder Hotels. Wohl jeder Fotograf musste durch dieses Thema mal durch, und so fand man auch mich beizeiten in alten Zechen und Tuchfabriken, so manchen analogen Film dort unter abenteuerlichen Lichtbedingungen belichten. Long time ago…aber bekanntermassen kommt ja alles irgendwie wieder…

…In diesem Fall allerdings nicht im Nirgendwo sondern an einer von Hamburgs meist befahrenen Strassenkreuzungen…steht das Haus meiner fotografischen Träume…einladend aber abgeschlossen…über 1 Jahr schlich ich herum , sehnsuchtsvolle Blicke nach oben werfend…

Hier seht ihr es..ein einsames Haus alleinstehend, vor der Tür 80.000PKW/LKW am Tag, im zweiten Stock 400 Züge aller Arten. Die Sternbrücke in Hamburg. Sie wird demnächst abgerissen und damit auch das Haus..zwecks Neubau einer neuen Brücke. Wenn du im zweiten Stock die Fenster öffnest kannst du mit den Händen die S-Bahn berühren. Und im ehemaligen Wohnzimmer bietet sich jeden Morgen erneut das Schauspiel Blicke auf übermüdete und genervte Berufspendler werfen zu dürfen.

Unten im Haus gab es eine Gaststätte…dort durfte ich vor 6 Monaten einmal fotografieren. Aber niemand wusste wer den Schlüssel zum Hauseingang hatte. Ich war im Schnitt 2 Mal die Woche vor Ort…nichts tat sich…

Ich hatte schon einen schlimmen Traum : Ich biege um die Ecke um mein Haus zu besuchen..und sehe statt dessen einen grossen Bagger auf einem Schutthaufen der mal das Haus war ( das ist mir einmal nach 300km Autofahrt und um 4 Morgens Aufstehen mit einem Fotokurs an einer alten Fabrikanlage passierte..mein Gesicht muss selten dämlich drein geschaut haben :-) Vor drei Wochen aber stand die Tür auf…jemand werkelte im Hauseingang…Dreistigkeit ist Basis jedes Fotos ..ich hin und den Typen gefragt ob er wisse an wen ich mich zwecks Fotoerlaubnis…na er…grinste dieser und : Du hast 30 Minuten Zeit, dann muss ich hier weg. 30 Minuten….für 4 Stockwerke….egal…die Zeit läuft…und ich auch…Stockwerk für Stockwerk…

Es war erstaunlich still im Haus…trotz des Verkehrschaos wenige Meter entfernt. Ich lief durch die Gänge und die Zimmer…wer hier wohl mal gelebt hatte ? Dort ein Teppich mit aufgemalten Strassen und Häusern…das Kinderzimmer…an der einen Tür noch ein Schild : Familie Schröder wohnte hier.

Und dort war ihre Küche, das WC und das Bad…wann sie wohl ausgezogen waren…die letzte Treppe hinauf…bedenkliches Quietschen…die Mansardenwohnung ganz oben unter dem Dach…dunkel, niedrig, holzgetäfelt…sehr ruhig

Vorsichtig versuchte ich ein Fenster zu öffnen…nach einer Weile gelang es…und der HVV schickte pass-und fotogenau 2 S-Bahnen…Ich war am Ziel meiner Fototräume angekommen…über den Dächern an der Sternbrücke. Wenig später stand ich wieder draussen…die Tür schloss sich, ich bedankte mich und setzte mich schräg gegenüber auf eine Bank..das Haus in dem ich gerade noch fotografierte im Blick…30 Minuten, 200 Fotos und Lebensgeschichten im Kopf…für so einen magischen Moment bin ich Fotograf geworden !

Veröffentlicht von juergen61

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53 Kommentare zu „Lost…

  1. Ein tolles, und auch toll beschriebenes Erlebnis! Wenn man bedenkt, dass es diesen Ort und die Möglichkeit eines Tages nicht mehr geben wird….👍👍👍

    1. Hallo Lo,
      vielen Dank für deine Antwort. Ja, der Coutdown läuft, noch ca. 12 Monate dann wird die gesamte Ecke platt gemacht…und mir auch die ganzen Geschichten all der Menschen die dort jahrzehnte lang gelebt hatten. Aber du kennst sowas sichwer auch aus dem Ruhrgebiet…wenn ich mir z.B. heute Dortmund anschaue…die Plätze wo früher die grossen Stahlwerke standen… Wünsche dir ein schönes Wochenende, herzlicher Gruss , Jürgen

      1. Dankeschön, lieber Jürgen.
        Mir ergeht es tatsächlich so, dass ich, wenn ich Zeuge eines Hausabrisses werde, über die ehemaligen Bewohner und ihre möglichen Geschichten nachdenke. Was sich wohl alles in diesen Wänden an Träumen, Schmerz, Hoffnung, Lachen…, das ganze Spektrum menschlichen Lebens abgespielt haben mag…? Schönes Wochenende!

  2. Der Weg, eher die Reise, hat sich gelohnt. obwohl die Zeit knapp war. Ich kann gut verstehen, dass das ein ganz besonderer Moment war. Klasse Bilder sind dabei rausgekommen! 😃

  3. Lieber Jürgen, die besten Sachen entstehen unter Druck: Stahl, Diamanten, und dein Bild aus dem offenen Fenster. Mehr Dynamik geht nicht. Bin neulich in alten Parkhäusern herheeumgekrochen als wärs der letzte Tag.

    1. Danke dir Rolf…
      und das stimmt schon…wenn du weisst du hast nur eine Chance..dann haust du ohen nachdenken einfach rein und rufst alles ab was du jemals gelernt hast…mit etwas Glück klappt das dann auch :-) Liebe Grüsse nach Berlin von Jürgen

  4. Gratulation … zu Beharrlichkeit, Erfolg, Geschichte und Bilder, lieber Jürgen.
    Das letzte Foto begeistert mich noch mehr als die anderen acht: ein normales geöffnetes Fenster so spannend zu fotografieren, das muss man wirklich können. Dass die Bahn gerade vorbeifährt, ist bei dieser Wohnlage wohl nicht so schwierig zu inszenieren 🙂.
    Ich hoffe, es geht dir gut 🙋‍♀️

    1. Danke Ule,
      das mit der Bahn…eigentlich kein Problem dort …aber..ich stand neulich da, geniales licht, super Situation..aber keine Bahn..30 Minuten nicht…da hielt ein mitleidiger Busfahrer neben mir und rief : Junger Mann…warten sie auf einen Zug ? Da kommt die nächste Zeit keiner…es wurden Kinder im Schienenbereich gesichtet…OK, an dem Tag hatte ich definitiv kein Fotografenglück :-( Hab ein schönes Wochenende, liebe Grüsse von Jürgen ( Tja, gut gehen ? Die Fotografie stirbt gerade…und mit ihr die Fotografen !)

        1. Mit guten Messinstrumenten noch gerade..auch die VHS streikt…zuwenig Teilnehmer in allen Kursen..die Leute sind unterwegs…nach der langen Pandemie und Dank des 9 € Tickets…

  5. Wieder mal einfach nur wow!!! Wirklich tolle Bilder und geniale Blickwinkel. Ich liebe auch diese Lost places und war mal in Düsseldorf in der alten Papierfabrik fotografieren, da sind ähnlich geniale Bilder entstanden, von daher verstehe ich deine Lust auf „versunkene Schätze“ nur zu gut! Danke fürs Teilen :-) Gruß Bea

    1. Danke Bea !
      In der Papierfabrik war ich vor langer Zeit auch mal..die sollte man mal unter Fotodenkmalschutz stellen und Führungen veranstalten :-) Wünsche dir ein schönes Wochenende ! Lieber Gruss von Jürgen

      1. Das ist leider nicht mehr möglich. Da dort zu viel gezündelt wurde und zudem ein 15-jähriger beim Herumkrakseln auf dem Dach um ein Haar tödlich verletzt worden wäre, ist die Fabrik inzwischen leider abgerissen worden.
        :-/ Als ich das las, war ich auch ziemlich geschockt…. zu blöde, dass ein Großteil der Menschheit sich nicht an „Betreten Verboten-Schilder“ halten kann…
        Aber ich habe immerhin einige Bilder und die sind unkaputtbar! :-)
        Machs gut und bis demnächst :-)
        Sonnige Re-Grüße Bea

        1. Von dem schweren Unfall hatte ich auch gehört…letztlich war die Location zu bekannt und zog auch Leute an die nur auf Zerstörung aus waren..leider das Schicksal so mancher lost place location !

  6. Es sind genau diese Momente. Tüchtig und wach sein, dazu eine gute Portion Geistesgegenwart. Das sind die Ingredienzen, die man für ein erfolgreiches Leben braucht.

    Klasse Fotoreportage in Text und Bildern.

    Schöne Grüsse von Robert

    1. Danke Manni !
      Wir wissen ja, beides kann man als Fotograf gut gebrauchen…Beharrlichkeit ist sogar eine Grundvoraussetzung um zu guten Bildern zu gelangen…aber das Quentchen Fotografenglück muss halt mit dazu kommen ! Wünsche dir ein entspanntes Wochenende, Grüsse von Jürgen

    1. Danke Bernhard !
      Ist auch mit etwas Glück verbunden so eine Location zu finden…manche betreiben dazu richtig aufwendige Recherche in diversen Foren und fahren hunderte von Kilometern…aber es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis wenn du dann in so einem Haus, einer Fabrikanlage fotografierst !

  7. Au jaaaa! Objekt der Begierde. Das Gefühl kenn‘ ich. 3 Jahre um den Koloß von Prora herumgeschlichen, ach wenn man doch bloß auch von innen die eigene Vergangenheit bewältigen könnte! Aber alles unten herum zu. Und dann im 4. Jahr war unten eine vernagelte Tür aufgebrochen! Und das beste: Im Trackt vom III.Bataillon! Meine Trauma-Ecke! Besser ging nicht.
    Du stehst mit 40 in der Bude, in der du mit 19 jeden Tag verflucht hast! Leer. Bewältigt – kampflos besiegte NVA.
    Trophäenfotos! Völlig high. Weggetreten – rausgetaumelt. Schwärm ich heute automatisch noch von!

  8. Lieber Jürgen,
    Das sind starke Bilder. Es freut mich für Dich, daß sich Dein Traum erfüllt hat, und Du sie machen konntest. Solche verlassenen Gebäude sind faszinierend und ausdrucksstark. Ich hoffe, daß wir vielleicht noch einige mehr der 200 Photos zu sehen bekommen werden.
    Lieben Gruß,
    Tanja

  9. Hallo Jürgen, das sind faszinierende Bilder. Vor allem der Helikopter mit den toten Fliegen drumrum hat‘s mir angetan. Wer da wohl gelebt hat? Was aus dem Haus wird? Ich mag Bilder die Fragen stellen oder Geschichten erzählen. Mich faszinieren Lost places, auch wenn ich selbst keine abbilde. Ich frage mich, woher diese Faszination kommt. Denn diese Orte sprechen vom Scheitern. Vielleicht weil unser Schicksal uns alle irgendwann scheitern lassen wird? LG Franz

    1. Sehr gute Überlegungen Franz und danke für dein Lob. Das Bild mit dem Kampfhubschrauber und den toten Fliegen ist auch eins meiner Lieblingsfotos. Welches Kind hat wohl zuletzt mit dem Hubschrauber gespielt und warum ist err zurückgeblieben ? Vor dem geistigen Auge spielen sich Lebensgeschichten ab ! Liebe Grüsse, Jürgen

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